Im Schatten der Depression: Ein ehrlicher Blick auf Liebe, Ängste und den Weg zur Familienharmonie

Vielleicht ist es spät, aber besser spät als nie: Heute beginne ich mit meinem Tagebuch. In erster Linie, um den Ballast von der Seele zu schreiben, der sich angesammelt hat und den ich sonst nicht loswerden kann. Dieser Ballast könnte mich sogar verschlingen. Derzeit glaube ich, dass diese Zeilen meinen beiden Kindern helfen können zu verstehen, was ihr Vater gerade durchmacht. Ironischerweise wurde das Wort „Krisenmodus“ in dieser Woche zum Wort des Jahres gekürt, und es trifft die Situation sehr gut. Ich befinde mich auf einem Pfad, von dem ich nicht sicher sagen kann, ob er mich meinem „Lebensziel“ näherbringt oder nicht. Auf jeden Fall ist es ein sehr steiniger und beschwerlicher Weg, von dem ich unwiderruflich nicht mehr umkehren kann.

Ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll, denn um zu verstehen, warum es so ist, wie es ist, erfordert es einen ausführlichen Rückblick in meine Vergangenheit. Das möchte ich an dieser Stelle nicht tun, versuche aber immer wieder, etwas weiter zurückzublicken. Um auf das Hier und Jetzt einzugehen, beginne ich mit der aktuellen Situation und ihren Problemen.

Franziska ist seit etwa drei Wochen in der Psychiatrischen Tagesklinik in Elbingerode. Zuvor war sie mehrere Monate lang bei einem Psychotherapeuten in Osterwieck in Behandlung. In beiden Einrichtungen wurde ihr eine schwere Depression diagnostiziert. Sie hat Selbstmordgedanken, vor allem weil sie sich für eine schlechte Mutter hält und meint, ihren Kindern nicht gerecht zu werden. So weit reicht mein Kenntnisstand. Wir haben uns jedoch nie im Detail darüber ausgetauscht oder miteinander gesprochen. Generell reden wir nicht miteinander – weder über unseren Alltag noch über Persönliches, Gefühle oder Sorgen. Nur über die Kinder tauschen wir uns rudimentär aus, vor allem über die wichtigsten Punkte wie wer die Kinder zur Schule oder Kita bringt und abholt, wer einkaufen geht, etc.

Ich kann nicht genau sagen, wann dies begonnen hat, aber es ist schon sehr lange so, und wir haben über die Jahre verlernt, miteinander zu sprechen. Das führt natürlich zu Konflikten, Missstimmungen und Streit. Seit ihrem Aufenthalt in der Tagesklinik bringe ich morgens die Kinder zur Schule, wecke sie, ziehe sie an und mache Frühstück. In der ersten Woche haben wir es gemeinsam versucht, aber Sasha konnte nicht damit umgehen, dass Mama nicht mehr mit in die Schule kommt. Zuvor sind wir immer zu zweit zur Schule gefahren, um Sasha zu bringen (Franzi ist dann ausgestiegen), und ich habe Nelian in den Kindergarten gebracht. Nachmittags haben wir dann zuerst Nelian und dann Sasha gemeinsam abgeholt.

Sasha konnte sich nicht damit abfinden, dass Mama nicht mehr dabei ist. Wir haben dann vereinbart, dass Franziska das Haus verlässt, bevor die Kinder aufwachen. So gibt es morgens eine klare Linie, und Mama ist einfach nicht da. Das funktioniert grundsätzlich, aber gerade zu Beginn wurde es von nächtlichen Weinattacken begleitet, und auch nach dem Abholen zu Hause oder beim Zubettbringen gab es ständig wegen Kleinigkeiten Weinanfälle von Sasha. Sie befindet sich gerade ebenfalls in einer schweren Phase der Milchzahnpubertät. Zudem ist sie einfach sehr sensibel und derzeit sehr leicht reizbar, wofür sie nichts kann. Hier ist momentan einfach ein sehr hohes Maß an Einfühlungsvermögen erforderlich, was aufgrund der allgemeinen Situation nicht immer aufgebracht werden kann.

Franziska und ich führen eine sehr unglückliche Beziehung. Darauf kann ich jetzt nicht im Detail eingehen. Es erschwert mein Leben nur, und vermutlich von allen belastenden Elementen am meisten. Ich liebe sie, habe sie aber in der Vergangenheit wohl zu sehr und zu oft verletzt, bewusst oder unbewusst, das empfinden wir beide unterschiedlich. Sie fühlt sich von mir unterdrückt und unfrei, sich zu entfalten. Vermutlich bin ich auch einer der Auslöser oder Gründe für ihre Depression. Das weiß ich aber nicht, weil sie mir dazu nichts sagt. Der Alltag momentan ist jedenfalls so, dass sie mich, wenn überhaupt, nur indirekt anspricht. Über die Kinder zum Beispiel: „Der Papa reicht dir bestimmt noch eine Tasse Tee.“ Beim gemeinsamen Essen unterhält sie sich teils überschwänglich fröhlich, nett und höflich mit den Kindern, schaut sie beim Sprechen an und wartet geduldig auf Antwort. Im nächsten Moment sitzt sie grübelnd am Tisch, mit leerem Blick in Gedanken versunken. Mit mir spricht sie dabei überhaupt nicht. Selbst eine Bitte, zum Beispiel das Salz zu reichen, das vor mir am Teller steht, ist zu viel. Stattdessen greift sie lieber selbst mit ausgestrecktem Arm über den ganzen Tisch.

Das sind nur ein Bruchteil von Beispielen, die in solcher oder ähnlicher Form unseren Alltag füllen. Auch wenn ich es mir vornehme, schaffe ich es in diesen Situationen nicht, eine normale Kommunikation meinerseits zu starten. Im Gegenteil, ich habe mittlerweile regelrecht Angst, überhaupt noch etwas zu sagen. Da sie jegliche Kritik von mir stets persönlich nimmt, auch wenn sie völlig angemessen wäre, äußere ich mich schon gar nicht mehr. Letzte Woche habe ich unseren Kühlschrank abgetaut, vollständig desinfiziert und geputzt. Im Gemüsefach lag heute ein ausgepackter Brokkoli ohne Unterlage, der das Fach vollgebröselt hat. Das Mehl hat Franziska in den Schrank geräumt, nachdem sie es verwendet hatte, und über zwei Etagen war Mehl verteilt. So etwas anzusprechen, traue ich mich nicht, weil es so dermaßen ausarten kann, dass sie das Haus unter knallenden Türen und verängstigten Kindern verlässt – und ich nicht weiß, ob sie wieder zurückkommt oder sich etwas antut.

Eigentlich sind es Banalitäten, vor denen ich jedoch riesengroße Angst habe. Ebenso habe ich mittlerweile Angst vor allen gemeinsamen Momenten, die wir zu Hause oder woanders erleben. Allen voran steht das Wochenende, zwei Tage, an denen wir alle gemeinsam zusammen sind. Unendliches Potenzial für Leid und Elend, Geschrei und Weinen. So empfinde ich es mittlerweile und weiß keinen Ausweg. Diese Angst lähmt mich, hält mich zurück von eigentlich wichtigen Dingen, die erledigt werden müssten. Haushalt, Autos, Garten, Rechnungen, Bienen, etc. kommen derzeit völlig zu kurz – allen voran gemeinsame positive Zeit mit der Familie. Rückzug, Kraft tanken, entspannen, Unbeschwertheit – all das ist in meinem und unserem Leben so gut wie nicht mehr existent. Ich würde alles dafür geben, aus dieser Lage wieder herauszukommen, wieder eine glückliche Partnerschaft auf Augenhöhe führen zu können und meinen Kindern die Liebe und Aufmerksamkeit schenken zu können, die sie gerade jetzt so sehr nötig haben.

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