Ein Tag zwischen Liebe und Verzweiflung

Es ist jetzt 22.20 und ich kann jetzt meinen Tag abschließen. Nelian ist gegen 21 Uhr bei mir unten im Bett (Franziska und ich schlafen seit dem Sommer in getrennten Betten, andere Geschichte) eingeschlafen und ich habe noch 40 Honig-Etiketten zugeschnitten, 30 Gläser Honig etikettiert, vier Honigkartons gefaltet und mit 25 Gläsern Filderblütenhonig gefüllt. Jedes Glas in Papier eingeschlagen, als Transportschutz und dann alles in einen großen Karton verstaut und gepolstert, verklebt und Etiketten von Hermes ausgedruckt. So, oder so ähnlich klingen meist alle meine Tage aus. Honigbestellungen mache ich ca. 1 mal die Woche, ansonsten arbeite ich bis nachts noch nach, was ich über den Tag nicht im Job geschafft habe.

Heute fing der Tag ganz gut an. Morgens hat beim Anziehen und Frühstücken soweit alles geklappt, Neli wollte allerdings nicht mitmachen und musste von mir motiviert werden. Das ist zwar anstrengend, aber ich gebe mir große Mühe, dass es für ihn ein angenehmes Aufstehen wird. Franziska hat Sasha übernommen, zuvor hatte ich für beide Frühstück gemacht. Sasha zieht sich nicht selbstständig an – nicht weil sie es nicht kann, sonder nicht will. Am Wochenende, ohne „frühes“ Aufstehen und Schule, macht sie es problemlos selbst. In unserer fragilen Situation übernehmen wir den Part für sie, weil wir uns Diskussionen und Weinen am Morgen einfach nicht leisten können. Dasselbe gilt für Nelian.

In Schule und Kita kamen wir früh und gut, Abgeben war problemlos. Zu Hause haben Franziska und ich gefrühstückt und uns zum ersten Mal seit Langem mal wieder länger unterhalten. Über unterschiedliche Dinge aus unserem Alltag. Das hat sich sehr schön angefühlt und ich habe mir hierfür wirklich gerne Zeit genommen. Ich wünschte mit, dass wir solche Gespräche öfter führen würden und ich würde auch gerne mehr über meine Gefühle und Ängste sprechen… dies konstant umzusetzen fällt mir aber sehr schwer und ich kann mich nicht allen Situationen anpassen und ihrer Stimmungslage gerecht werden. Sie ist und beleibt für mich unberechenbar und kann von einem positiven Moment in einen negativen umspringen ohne dass ich es in irgendwiner Weise vorahnen könnte.

Nach dem Frühstück bin ich nach Braunschweig ins Institut gefahren um vor Ort ein paar Formsachen zu klären. Ich war dort gegen 13.30 fertig und habe mich auf den Heimweg gemacht. In Vienenburg war ich noch tanken, einkaufen und habe drei halbe Brathähnchen geholt, damit die Kindeer, falls hungrig, nach der Schule und Kita gleich essen können. Ich selbst hatte keinen Mittag. Beim Abholen hat sich herausgestellt, dass Neli Probleme hatte. Nach dem Aufenthalt draußen am Vormittag, hat er sich eingepullert (er wird gerade Windel-frei). Das hat aber keine gemerkt und zu Recht hat er dann nicht mehr mitmachen wollen beim Händewachen und Essen. Er hat sein Essen auf dem Boden bekommen, weil er sich unter dem Tisch versteckt hat (das macht er immer wenn er aufs Klo muss). Erst beim Umziehen fürs Bettchen haben sie bemerkt, dass er eingepullert war und haben ihn gewickelt. Er wollte dann nicht mit den anderen in einem Raum schlafen und hat seine Matratze in den Umkleideraum gezogen. Dort hat er angeblich auch geschlafen. Nach dem Aufwachen wolle er kuscheln, was ihm aber mit einer negativen Bemerkung, dass er das ja eigentlich gar nicht verdient hätte, madig gemacht.

Franziska war dadurch merklich aufgebracht. Zu Hause ist Sasha dann ohne zu Essen mit Franziska nach oben zum Spielen. Ich habe mit Neli gegessen, danach ist er auch nach oben. Nachdem ich gegessen hatte, habe ich den Kindern Obst gebracht. Nach dem Obst gab es dann noch Kinderschokolade und Müsliriegel. Als ich den Teller einige Zeit später holen wollte, kam Sasha mit Schokoladen-verschmiertem Mund aus dem Bad. Sie dagte, sie habe ein kleines Stückchen von ihrem Schokonikolaus gegessen. Der war aber ganz weg (kleiner Milkanikolaus) und das Papier hatte sie im Badmülleimer entsorgt. Sie hat dann bestritten zu wissen wo der Nikolaus sei und hat mich angelogen. Meine Enttäuschung darüber habe ich ihr in einem freundlichen Ton mitgeteilt, ohne ausfällig oder böse zu werden. Es hat mich stutzig gemacht, zumal es kurz zuvor etwas Süßes von mir gab. Der Nikolaus war aus der Schule. Die Kinder hatten ihn zu Nikolaus bekommen und Sasha hatte ihn sich aufgehoben.

Franziska ist dann in die Diskussion eingestigen und hat Sasha sofort verteidigt. Sie hätte das Recht den Nikolaus zu essen wan sie wolle, da er ihr ja bereits übergeben wurde und sie dazu nicht unsere Erlaubnis brauche. Damit hatte ich eigentlich gar nicht so ein Problem, mich hat nur gestört und enttöuscht, dass sie mich bewusst belogen hat. Ich wollte versuchen, das mit Sasha zu besprechen, dazu hat mir Franziska aber keine Chance gelassen. Sie hat ihre Stimme erhoben und mir nochmals das bereits Genannte erklärt. Daraufhin bat ich sie höflich, in einem normalen Ton mit mir zu sprechen und sie rechtfertigte diesen, dass Neli nebenbei ja so viel Krach mache und sie ihre Stimme daher heben müsse. Als Neli dann schließlich still war, hat sich nichts in ihrem Umgang mit mir geändert und ich habe mich dann frustriert und verärgert zurückgezogen. Beide Kinder haben diesen Streit mitbekommen.

Solche Situtionen gibt es ständig – wir sind uns vor den Kindern uneins an welchem Strang gezogen wird. Im schlimmsten Fall geht es genau in die entgegengesetzte Richtung, was extreme Verunsicherung bei den Kindern hervorruft. Im Zweifel sind sie natürlich auf Mamas Seite und ich ziehe den Kürzeren. Dass man sich nicht eingig ist ist normal, auch darüber zu argumentieren. Idealerweise findet man einen Kompromiß… gemeinsam und harmonisch. Das fehlt bei uns aber komplett. Beim Zurückziehen warf mir Franziska sofort wieder die Schuldfrage an den Kopf – ich mache sie mit meiner Argumentation (sie erhebe ihre Stimme) zur Schuldigen am Konflikt und drehe den Spieß um indem ich dies so deutlich zum Ausdruck bringe. Der Zusammenhang erschließt sich mir auch nach dem Tippen dieser Zeilen nicht so recht. Mir wir jedoch klar, dass ich im Prinzip sagen kann was ich möchte – so banal dies auch sei – sie fühlt sich durch meinen Konter immens unter Druck gesetzt und reagiert dementsprechend agressiv, verletzend und am aller schlimmsten – respektlos und verachtent. Ich habe das Gefühl, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, mit dem sie so spricht. Seit ich sie kenne, hat sie solch einen Ton ihren Geschwistern oder Eltern gegenüber noch niemals angeschlagen. Auch gegenüber engen Freunden oder auch Fremden ist sie stets überfreundlich und sagt fast zu allem immer Ja und Amen. Auch unter ihrem persönlichen Zurückstecken, auch wenn sie dadurch dann mehr belastet wird – Hauptsache alle denken positiv von ihr.

Ob es in ihr tatsächlich so ist, weiß ich natülich nicht. Mir kommt es so vor und noch bis vor nicht allzu langer Zeit war sie mir gegenüber auch so eingestellt. Vorallem zum Beginn unserer Beziehung… was mir natürlich stets den Eindruck vermittelte, dass alles in Ordnung sei. Auch wenn ich Entscheidungen für mich oder uns getroffen habe, gabe es keine Argumentation darum und ich ging davon aus, sie sei damit einverstanden. Erst sehr viel später ist dann eben herausgekommen, dass es wohl nie so war wie ich annahm. Naja, das führe ich anderer Stelle fort. Der Tag ging dann nach dem Abendessen katastrophal weiter. Sasha hat beim Umziehen gebockt und beide Kinder wollten von Mama bedient werden. Sasha hat dann einen Heulkrampf bekommen, Nelian wollte ständig Franziskas Aufmerksamkeit und ich konnte tun was ich wollte, meine Hilfe kam nicht durch. Es hat gab wieder keinerlei Kommunikation und Franziska hat die beiden versucht alleine zu stemmen. Dabei legte sie ihren Fokus auf Sasha, Nelian wird dann weggeschick, zur Tür hinaus und Türe zu. Er schreit dann immer und will zu ihr zurück – ich versuche unaufgefordert mein Möglichstes zu tun ihn abzulenken oder Bett-fertig zu machen. Da er aber meist im Mama Modus ist, komme ich nicht zu ihm durch. Härters Durchgreifen macht ihn und mich agressiv und wir sind dann in einer Abwärtsspirale. Selbiges passiert übrigens auch mit Sasha wenn sie auf Mama eingestellt ist.

Nachdem was zuvor passiert war mit der offenen und ungeklärten Streitsitutation war ich natürlich der Buhmann und unterberwusst habe mich die Kinder das vermutlich spüren lassen. Franziska war mit beiden Kindern natürlich völlig überfordert, Sasha hat über 30 min geheult, Neli ist immer mal wieder durchgekommen und hat an ihr gezerrt und ich wollte helfen und Sasha übernehmen. Umziehen, pullern und Zähne putzen hat Franziska dann geschafft und dann gings ins Bett. Ich habe noch ein Hörbuch für Sasha eingestellt und konnte in der Zwischenzeit Neli zum Zähneputzen bewegen. Das aber auch nur mit kleineren „Androhungen“ wie Du bekommst Dein Spielzeug nur, wenn…. ich wusste mir aber einfach nicht mehr zu helfen und fühlte mich dabei total schlecht, verzweifelt und ohne jegliche Unterstützung.

Neli hat dann mit Franziska etwas gelesen und ich habe versucht mich den eingangs geschilderten Aufgaben zu widmen. Davor war ich Zähneputzen und die Tränen brachen aus mir heraus. Ich musste weinen, weil mir meine Kinder so sehr leid taten, dass sie unter solchen Bedingungen zur Ruhe kommen mussten. Erschöpft nicht vom Tag, sondern vom Weinen, von der Aufregung, von negativen Eindrücken, Streit und Stress. Und, weil zwei Erwachsene Menschen die ihre Kinder über alles lieben, es nicht gebacken bekommen ihnen ein behagliches liebendes und fürsorgendes Umfeld zu schaffen, in dem sie gerne und freiwillig zu Bett gehen. Kurz nachdem ich dann die Etiketten geschnitten hatte, war Franziska mit Neli durch. Sie wollte nicht weiter lesen und hat ein Hörbuch angemacht… das er schon kannte. Er kam dabei nich richtig zur Ruhe, war quengelig und auch laut. Ich bin dann hoch und habe versucht ihn zu überzeugen mit mir nach unten zu kommen, was nicht klappte. Er wollte eine Nachtmilch, was ich ihm aber nur in der Küche geben wollte. Er wollte nicht und wurde lauter. Vor lauter Stress habe ich mich dann ausgeklinkt. Es war dann kurze Zeit still und ich sollte nochmal hoch. Dann war es wieder laut und ich habe versucht einem müden, gestressten und verzweifelten Dreijährigen zu erklären, dass direkt nebenan seine große Schwester versucht zu schlafen und morgen einen anstrengenden Schultag vor sich hat… und bin dabei selbst laut geworden. Neli hat dann geweint und ich bin wieder runter. Franziska ist dann kurz darauf runter und hat ihm die Milch gebracht. Nochmals etwas später, wollte er dann runter und dann doch nicht mehr… ich konnte ihn aber mitnehmen und in meinem Bett, nach langem Hin und Her, in den Schlaf begleiten.

Trotz schönem Start in den Tag war der Abend furchtbar – für alle von uns!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert